Nachtzug nach Lissabon

//Nachtzug nach Lissabon

Nachtzug nach Lissabon

Bern. Wieder einmal kann Raimund Gregorius (Jeremy Irons) nachts nicht schlafen und spielt gegen sich selber Schach bis es hell zu werden beginnt. Seit Jahren verläuft das Leben des geschiedenen und einsamen Lehrers in festen Bahnen – ohne Inspiration und ohne Perspektive. Wie jeden Morgen in den vergangenen 30 Jahren macht sich der Lehrer für alte Sprachen auf den Weg ins Gymnasium, der ihn wie immer über die Kirchen­feldbrücke führt. Doch dieser verregnete Tag ist keiner wie jeder andere.

Raimund sieht eine junge Frau im roten Mantel (Sarah Spale-Bühlmann) auf dem Brü­ckengeländer stehen, bereit sich in den Tod zu stürzen. Er eilt zu ihr und kann sie ge­rade noch rechtzeitig festhalten. Spontan entscheidet er sich, sie mit in die Schule zu nehmen. Doch die geheimnisvolle Fremde verschwindet fast genauso schnell wie sie aufgetaucht ist und lässt nur ihren Mantel zurück. In dessen Tasche findet Raimund ein Buch, „Um ourives das palavras“ (Ein Goldschmied der Worte) von Amadeu Inácio de Almeida Prado. Spontan lässt Raimund alles stehen und liegen und macht sich auf die Suche nach der Frau. Sein erster Weg führt ihn in ein Antiquariat, in der sie das Buch gekauft hat. Dort erst entdeckt er zwischen den Seiten ein Zugticket nach Lissa­bon. Die Abfahrt ist in 15 Minuten.

Raimund eilt zum Bahnhof, denn er hofft, die junge Portugiesin am Bahnsteig abzupas­sen, doch sie ist nicht da. Einem unmittelbaren Impuls folgend, steigt er in den Zug und beginnt sofort, das Buch zu lesen. Er ist fasziniert von diesem Autor (Jack Huston), dessen Foto im Buch einen jungen Mann mit intelligent und melancholisch blickenden Augen zeigt. Seine leidenschaftlichen Worte sprechen ihm aus der Seele. Die Neugier auf ein Leben voller Dramatik und Sehnsüchte jenseits der von ihm kulti­vierten Routine, wie es das Buch andeutet, nimmt Raimund gefangen. Er will unbedingt mehr über den Autor herausfinden, ihn nach seiner Ankunft in Lissabon kennenlernen. Bei seiner Recherche über Amadeus Schicksal wird Raimund nicht nur in ein düsteres Kapitel portugiesischer Geschichte eintauchen und eine tragische Dreiecksgeschichte aufdecken, sondern vor allem auch einem Menschen begegnen, der lange verschüttete Gefühle in ihm weckt.

In Lissabon angekommen erkundigt sich Raimund nach der Adresse von Amadeu. Bald findet er das Haus in einer noblen Wohngegend. Amadeus Schwester Adriana (Char­lotte Rampling) empfängt ihn, weist ihn aber mit den Worten, Amadeu sei nicht zu Hause ab. Beim Verlassen des Hauses aber schickt ihn die Haushälterin zum Friedhof, wo er zu seiner Überraschung auf dem Familiengrab auch Amadeus Namen findet. Er starb bereits vor über 30 Jahren – am Tag der Nelken-Revolution, die die Diktatur beendete. Adriana aber verehrt ihren Bruder, seit er ihr als Medizinstudent durch einen Luftröhren­schnitt einst das Leben rettete, abgöttisch Schon als junge Frau (Beatriz Batarda) half sie ihm in seiner Praxis, in der er als Arzt arbeitete. Und noch heute spricht sie von ihm als ob er noch am Leben wäre.

So bleibt Raimund nur, Amadeus Freunde und Bekannte ausfindig zu machen, um we­nigstens ein wenig über den Arzt, der so viel lieber Schriftsteller und Philosoph gewor­den wäre, in Erfahrung zu bringen. Da kommt ihm der Zufall zu Hilfe: In der Augenärztin Mariana de Eca (Martina Gedeck) findet er nicht nur eine warmherzige, interessante Frau, zu der er auf Anhieb Vertrauen hat. Mariana kann ihm auch den Kontakt zu einem Freund von Amadeu vermitteln. Ihr Onkel Joao de Eca (Tom Courtenay) kannte Amadeu einst in den Zeiten der Diktatur in Portugal.

Spontan entschließt sie sich, Raimund zu dem in einem Pflegeheim lebenden knorrigen Alten zu führen. Von Joao erfährt Raimund schließlich vieles über das Leben von Amadeu: Er erzählt ihm die Geschichte von Mendez (Adriano Luz), der in den frühen 70er Jahren als Schlächter von Lissabon Chef der gefürchteten Geheimpolizei war und das Schick­sal der befreundeten Widerstandskämpfer maßgeblich beeinflusste. Einst brach er dem jungen Joao (Marco D‘ Almeida) brutal jeden Knochen seiner Hände, um ihn zu zwin­gen, den Namen einer Mitstreiterin im politischen Widerstand preiszugeben. Sie war für die Polizei von besonderem Wert, denn sie war die Einzige, die von allen die Namen und Adressen wusste. Aber Jao schwieg und kam in Haft. Genau dieser Mendez war auch der Grund, weshalb Amadeu von den Menschen in Lissabon als Verräter verachtet wurde. Denn er hatte ihm aus ärztlichem Pflichtgefühl das Leben gerettet, als Mendez nachts direkt vor seiner Tür zusammengeschlagen wurde.

Eine weitere Spur führt Raimund bei seiner Recherche in eine verfallene Schule zu Pater Bartolomeu (Christopher Lee), der vor über 40 Jahren Amadeus Lehrer war. Schon als Schüler und Student war Amadeu, so erfährt Raimund, ein brillanter Frei­geist. Bartolomeu erinnert sich besonders gut an eine scharfsinnige, leidenschaftliche Abschlussrede in einer Kirche, in der Amadeu das Establishment brüskierte, und die Freiheit und die Schönheit über alles andere stellte. Etliche Zuhörer verließen damals empört die Kirche, unter ihnen Amadeus Vater (Burghart Klaußner), ein strenger Rich­ter, mit dem sich Amadeu nie verstand.

Langsam fügt sich in Raimunds Kopf ein Bild von Amadeu zusammen. Noch einmal besucht er Joao, der ihm nun die Geschichte von Estefania erzählt: Dass er als Verräter gebrandmarkt wurde, trieb Amadeu damals endgültig in den Wi­derstand, wo auch Jorge (August Diehl), Amadeus bester Freund seit Kindertagen aktiv war. Bei einem der konspirativen Treffen der Gruppe, traf er auf Estefania (Mélanie Laurent), die junge Frau mit dem fantastischen Gedächtnis. Es war Liebe auf den ers­ten Blick, die beiden waren wie füreinander geschaffen. Alle im Raum spürten es sofort, auch Jorge, dessen Geliebte sie war. Estefania und Amadeu waren hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen zueinander und der Loyalität zu Jorge. Dennoch kamen sie sich immer näher, während Jorges Eifer­sucht im gleichen Maße zunahm. Als Jorge zufällig die beiden sich innig küssen sah, drehte er durch.

Er bat Joao um eine Waffe, um Estefania zum Wohl des Widerstandes zu töten. Denn wenn sie von der Geheimpolizei geschnappt werden würde, wäre keiner von ihnen mehr sicher. Joao gab ihm schließlich widerstrebend seine Pistole, eine Tat, die er Zeit seines Lebens bitter bereute, wie er Raimund verrät. Das Schuldgefühl und die Un­wissenheit, was mit Estefania geschehen ist, lasten noch immer schwer auf ihm.

Raimund, immer stärker in Bann gezogen von seinem Wunsch, die ganze Geschichte Amadeus kennenzulernen, spürt, wie neue Energie in ihm wächst. Endlich hat er wieder eine Aufgabe. Endlich treibt ihn wieder etwas an. Er lädt Mariana zu einem Dinner ein, bei dem er sich so wohl und so glücklich fühlt wie seit Jahren nicht mehr. Er spürt: Da ist mehr zwischen ihnen als nur Sympathie.

Um das letzte Geheimnis zu ergründen, muss er Jorge (Bruno Ganz) sprechen, der noch immer in Lissabon eine kleine Apotheke führt. Jorge ist wohl der einzige Mensch, der ihm die ganze Wahrheit verraten kann. Wird es Raimund gelingen, das letzte Puzzlestück der Vergangenheit und der tragischen Verstrickung der Schicksale von Amadeu, Estefania und Jorge aufzudecken? Und was ist mit seinem eigenen Schick­sal? Wird Raimund sich trauen, einen Neubeginn zu wagen, sich zu seinen Gefühlen für Mariana zu bekennen?

By | 2013-09-25T23:53:52+00:00 Juli 3rd, 2013|Allgemein|0 Comments

About the Author:

Leave A Comment